Elektronikausbildung bei PEK - Der spätere Berufsschullehrer Otto Ortlieb erinnerrt sich

Nach dem Abschluss der Knabenrealschule Lindau habe ich, als 15-jähriger einen Aufnahmetest bei der Firma PEK in Tettnang gemacht.
Neben Draht biegen und zeichnen einer Schere wurden auch politisches Allgemeinwissen abgefragt.

Elektronik war 1965 sehr populär und wurde als Zukunftstechnologie angesehen.
Ein Elektrobaukasten weckte noch zusätzlich mein Interesse.

Nach bestandenem Test konnte ich die Lehre am 15. April 1966, 7.15 Uhr beginnen. Mitzubringen waren ein grauer Arbeitsmantel, Schreibzeug und ein 2 Meter-Rollmaß.
Ebenso einen Farbsehtest vom Augenarzt.
Acht Lehrlinge wurden bei PEK zum Elektromechaniker Fachrichtung Elektronik ausgebildet.

PEK Lehrwerkstatt
Blick in die Lehrwerkstatt bei PEK. Ausbilder war Fritz Rehm.

Das erste Jahr war eine rein mechanische Ausbildung unter der Anleitung von Herrn Rehm.
Gleich zu Beginn hat der U-Stahl für Blasen an den Händen gesorgt.

U-Stahl
Ein Stück U-Stahl, innen noch unbearbeitet. Mehrere Millimeter mussten von Hand heruntergefeilt werden, und das eben in allen Raumrichtungen.

Damals wollte ich ernsthaft die Lehre abbrechen, zum Glück kam es nicht soweit.
Später waren Blechbearbeitung, Drehen, Bohren und Gewindeschneiden dran.
Immer mehr kamen dann Aufträge von der Produktion dazu, z.B. Experimentierplatten bohren.

Im 2. Und 3. Lehrjahr wurden die meisten von uns einem Ingenieur (weißer Kittel) zugewiesen. Das war sehr spannend.
Neben Unterrichtsmaterial für Schulen wurden Oszilloskope, Geschwindigkeitsmesser und auch militärische Geräte entwickelt.
Die Ausbildungsbeihilfe Betrug im ersten Lehrjahr 118 DM und steigerte sich bis 178 DM im 3. Jahr.

In der Berufsschule gab es Elektronikklassen und Radio-Fernsehklassen. Der Unterricht fand in verschiedenen Gebäuden in Tettnang statt.
Im Labor haben wir die Kennlinien von Röhren gemessen, Transistoren oder gar integrierte Schaltungen waren im Unterricht eher noch selten.

Für den Weg von Kressbronn nach Tettnang habe ich Mitfahrgelegenheiten oder das Fahrrad benutzt.
Manchmal fuhr ich mit der Bahn über Friedrichshafen nach Meckenbeuren dann mit dem Bähnle nach Tettnang.

Werdegang nach der Ausbildung bei PEK: Studium in Furtwangen

Vier Lehrlinge aus unserem Jahrgang haben sich entschieden, auf die Fachhochschule Furtwangen zu gehen. Neben Feinwerktechnik gab es eine Fachrichtung Elektronik und Regelungstechnik.
Zum Studienbeginn am 15. März 1970 war Furtwangen in riesigen Schneemengen versunken.
Das Studium im ersten Semester war darauf ausgerichtet die Defizite der Realschüler auszugleichen. Der Unterricht fand bis zum letzten Semester im Klassenverband statt.
Nach sechs Semestern konnte man sich Ingenieur (grad.) nennen.

Das Studium in Furtwangen war eine schöne Zeit, wir hatten zu dritt eine Wohnung, zum Skifahren gab es Lifte in der Stadt.
Das Semester trifft sich heute noch alle 2 Jahre.

Lehramt-Studium in Berlin

Dann kam die Entscheidung nach Berlin zu gehen, um auf Lehramt zu studieren.
Motivation war natürlich die Pädagogik, aber auch Berlin hatte mich angezogen.
Das erste Studienfach war Elektrotechnik (Nachrichtentechnik) als zweites Fach konnte man Sozialkunde wählen.
Nach etwas Wartezeit habe ich dann an der Berufsschule Schorndorf (Grafenbergschule) eine Stelle als Studienrat bekommen, die ich 34 Jahre lang in unterschiedlichen Schularten ausgeübt habe.

Berichtsheft

Alle Lehrlinge mussten ein Berichtsheft führen.
Solche Berichtshefte sind wertvolle Zeugnisse damaliger Arbeitsweise und Fertigungstechnologie.

Berichtsheft, Titelseite
Titelseite des Berichtsheftes

Zeichnungen mussten mit Tusche gezeichnet werden und mit Normschrift beschriftet.

Berichtsheft, Normschrift
Anleitung Normschrift auf der Umschlag-Innenseite des Berichtsheftes

Zum "Aufwärmen" wurde der Namenseintrag gleich mal in Normschift getätigt (hier gerade Normschrift; es gab hierzu Schriftschablonen).

Inhaltsseite
Namenseintragung in Normschrift

"Mein erster Arbeitstag"

Jedes erste Berichtsheft begann mit den Abschnitten "Mein erster Arbeitstag" und "Mein Arbeitsplatz", meist gefolgt von einem Kapitel über die Bearbeitung von U-Stahl.
Die Beschreibung des Arbeitsplatzes können Sie im Berichtsheft von Heinz Mauder nachlesen).

Otto Ortliebs erster Arbeitstag 1
Erster Eintrag in Otto Ortliebs Berichtsheft

Otto Ortliebs erster Arbeitstag 1
Erster Eintrag in Otto Ortliebs Berichtsheft, S. 2

Weitere Einträge in die Berichtshefte waren so interessant, dass sie auf einzelne Artikel verteilt wurden.


Autor und Berichtsheft: Otto Ortlieb
Texte zum Berichtsheft ergänzt durch Rainer Specker
Bild Lehrwerkstatt: Foto Tremmel, Tettnang / Sammlung K. Neumann
Übrige Bilder: Rainer Specker